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Gegen das literarische Vergessen

„Gottes glänzende Ironie, mir gleichzeitig achthunderttausend Bücher und Dunkelheit zu schenken.“ – Jorge Luis Borges

DVB Verlag GmbH

Blog

Mit der rasanten Entwicklung der Neuen Medien seit der Jahrtausendwende und den erstaunlichen Fortschritten in medialer Technologie und globaler Vernetzung, die wir gerade in den letzten Jahren beobachten konnten, geht – wie könnte es anders sein – natürlich auch eine sozialgesellschaftlich motivierte Wandlung in unserem Umgang mit Kultur einher, der wir uns nicht entziehen können.

Die allgemeine Tendenz scheint in Richtung einer deutlich übersteigerten Aktualitätsbezogenheit zu verlaufen, für die die Schnelligkeit des Konsums wie die Schnelligkeit des Vergessens gleichermaßen charakteristisch zu sein scheinen. Dank der Revolution des Internets leben wir heute in einer vielfach gebrochenen, kaleidoskopartig von Diskursen bestimmten Gegenwart, die nichts weniger als alle Positionen, Strömungen und Gegenströmungen, Ideen und Widerlegungen der Geistesgeschichte umfasst. Eine verwirrende Flut an Informationen, Namen und Daten, die sich da täglich auf uns ergießt und die irgendwie bewältigt werden will.

Auch die Buchbranche befindet sich schon seit geraumer Zeit in einem Umbruch, der in seinen Dimensionen alle bisherigen Veränderungen, die die Verlagswelt in den letzten hundert Jahren hinnehmen musste, als durchaus nebensächlich erscheinen lassen.[1] Insbesondere in Österreich kämpfen die kleinen Verlage um ihr Überleben. Auf der Suche nach einer größeren Breitenwirkung und höheren Einkünften wandern viele bedeutende österreichische Schriftsteller zu Verlagen des weit potenteren deutschen Buchmarkts ab. In Österreich werden zwar rein quantitativ immer mehr Bücher produziert, dafür aber in immer kleineren Auflagen und mit immer kleineren Halbwertszeiten. Die Folge ist eine immer bedrohlicher erscheinende Lage für Verlage, die im Zeichen der Experimentierfreudigkeit und der kulturellen Vielfalt den Anspruch nicht fallen lassen wollen, ein anspruchsvolles Verlagsprogramm auf die Beine zu stellen. Hier bedarf es in Zukunft nicht nur mehr finanzieller Hilfe durch die öffentliche Hand, es muss auch mehr Unterstützung seitens derjenigen Leserinnen und Leser geben, die Bücher nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern als Selbstzweck betrachten.

Diesem Credo will auch mein 2014 neu gegründeter Wiener Verlag Das vergessene Buch folgen. Fernab großartig durchdachter pekuniärer Gewinnerwartungsstrategien sollen im DVB Verlag in den nächsten Jahren herausragende Werke der deutschsprachigen Literatur erscheinen, die zu Unrecht vergessen wurden – sei es, weil ihre Autoren zu ihren Lebzeiten aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt wurden, sei es, weil die Zeit einfach noch nicht reif war, das Genie dieser Autorinnen und Autoren zu erkennen und ihre Absichten zu verstehen.

Doch was unterscheidet eigentlich Werke, die zu Unrecht vergessen sind von denen, die zu Recht im Orkus der Bibliothek von Babel verschwanden? Und wo findet man diese Werke?

Schon ein kurzer Besuch in einem größeren Antiquariat fördert eine beeindruckende Vielzahl an Büchern zutage, die nicht mehr verlegt sind. Über diese Bücher und ihre Autoren wird weder geschrieben noch geredet. Der Kulturbetrieb verliert kein Wort über sie, weil er nicht weiß, dass es sie gibt, und so befinden sich diese Werke in einem unfreiwilligen Zustand der Verdammung – weit außerhalb der Reichweite des zeitgenössischen Lesers, der begreiflicherweise nicht lesen kann, was er nicht kennt.

Bei Maria Lazar, Marta Karlweis und Else Jerusalem, völlig zu Unrecht vergessene Autorinnender österreichischen Zwischenkriegszeit, deren Hauptwerke in den letzten zwei Jahren im DVB Verlag erscheinen konnten, kann man wohl von solchen Glücksfunden sprechen. Dass solche zur Zeit ihres Schaffens weithin bekannte Schriftstellerinnen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrem freiwilligen Gang ins Exil in der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit schlichtweg vergessen wurden und bis heute vergessen blieben, ist kein seltenes Phänomen. Die deutschsprachige Exilliteratur zur Zeit des Dritten Reiches stellt sich uns leider immer noch als ein Feld dar, das in weiten Teilen seiner Wiederentdeckung harrt. Hier sind noch echte Entdeckungen zu machen.

Umso notwendiger, dass es noch engagierte Herausgeber wie Johann Sonnleitner und Brigitte Spreitzer gibt, die keine Mühen scheuen, um Licht auf einige dieser höchst schillernden, zu Unrecht aus unserem kulturellen Gedächtnis entschwundenen Persönlichkeiten zu werfen. Die Fülle an Zuspruch und medialer Resonanz, die unsere Neuausgabe von Lazars Debütroman Die Vergiftung im Jahr 2015 erfahren durfte – nicht nur hier in Österreich, sondern auch in unseren deutschsprachigen Nachbarländern – sowie das Medienecho, das unsere jüngste Wiederentdeckung (Der heilige Skarabäus von Else Jerusalem) begleitet, bestärkt mich in dem Glauben, dass es auch heute noch eine bedeutende Anzahl an Lesern und Leserinnen gibt, die die Literatur als Zeitmaschine begreifen – als großartiges und unersetzliches Archiv der Erinnerung, dessen wir uns noch solange bedienen sollten wie es Wörter und Menschen gibt. Die Wiederentdeckung des Vergessenen erscheint in dieser Beziehung als der unverzichtbare Schlüssel, der die Zeitmaschine in Gang setzt.

Hier geht es direkt zum Kurs Kosmos Verlagswesen der sich unter anderem mit dieser Thematik beschäftigt.

Albert C. Eibl

(Dieser Blogeintrag ist leicht verändert als Geleitwort in der 2015 erschienenen Neuedition von Marta Karlweis Roman „Ein österreichischer Don Juan“ abgedruckt worden.)


(1) Vgl. dazu das immer noch höchst aktuelle Buch von André Schiffrin: Verlage ohne Verleger. Über die Zukunft der Bücher. Verlag Wagenbach. Berlin 2000.

(2) Vgl. dazu das immer noch höchst aktuelle Buch von André Schiffrin: Verlage ohne Verleger. Über die Zukunft der Bücher. Verlag Wagenbach. Berlin 2000.

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